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Ich wollte dieses Thema schon lange aufgreifen und heute ist es soweit…

Sucht entsteht nicht, weil Menschen “schwach” sind oder ihnen Willenskraft fehlt. Sie entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Gehirn, Gefühlen, Erfahrungen, Genetik und der Umgebung. Im Grunde versucht das Gehirn, etwas zu lösen – oft Stress, Schmerz oder Leere – und lernt dabei einen Weg, der sich mit der Zeit verselbstständigt.

Die wichtigsten Faktoren sind:

1. Das Belohnungssystem im Gehirn

Unser Gehirn verfügt über ein Belohnungssystem, das den Botenstoff Dopamin ausschüttet, wenn wir etwas Angenehmes erleben – zum Beispiel gutes Essen, Nähe oder Erfolg.

Suchtmittel oder süchtig machende Verhaltensweisen (wie Glücksspiel, exzessive Social-Media-Nutzung oder Pornografie) erzeugen häufig eine deutlich stärkere Dopaminausschüttung als natürliche Belohnungen. Das Gehirn merkt sich:

“Das fühlt sich gut an. Mach das wieder.”

Mit der Zeit passt sich das Gehirn an. Es reagiert weniger empfindlich, sodass dieselbe Menge oder dasselbe Verhalten nicht mehr den gleichen Effekt hat. Dadurch entsteht oft das Bedürfnis nach mehr.

2. Gefühle regulieren

Viele Süchte beginnen nicht aus dem Wunsch nach Spaß, sondern aus dem Wunsch, unangenehme Gefühle loszuwerden:

Einsamkeit

Angst

Trauer

Überforderung

Innere Leere

Scham

Wenn etwas diese Gefühle kurzfristig lindert, lernt das Gehirn:

“Wenn es mir schlecht geht, hilft das.”

So wird die Gewohnheit immer stärker.

3. Lernen und Gewohnheiten

Unser Gehirn liebt Routinen.

Wenn jemand beispielsweise jeden Abend nach Stress Alkohol trinkt oder zum Handy greift, verbindet das Gehirn Stress automatisch mit diesem Verhalten.

Mit der Zeit läuft dieser Prozess fast unbewusst ab.

4. Genetik / DNA

Manche Menschen haben aufgrund ihrer Gene ein höheres Risiko, eine Sucht zu entwickeln. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Sucht unvermeidlich ist. Gene erhöhen lediglich die Anfälligkeit.

5. Erfahrungen in der Kindheit

Menschen, die belastende Erfahrungen gemacht haben – etwa Vernachlässigung, Gewalt oder emotionale Unsicherheit –, haben statistisch ein höheres Suchtrisiko.

Nicht weil sie “kaputt” sind, sondern weil ihr Nervensystem oft dauerhaft unter Stress steht und nach Möglichkeiten sucht, sich zu beruhigen.

Warum fällt es so schwer aufzuhören?

Nach einer Weile geht es oft nicht mehr darum, sich gut zu fühlen.

Viele Menschen konsumieren dann vor allem, um sich nicht schlecht zu fühlen. Das Gehirn hat gelernt, dass die Substanz oder das Verhalten notwendig sei, um wieder ein normales Gleichgewicht zu erreichen.

Deshalb erleben Betroffene häufig:

Starkes Verlangen

Entzugssymptome

Kontrollverlust

Rückfälle trotz guter Vorsätze

Das sind Veränderungen im Gehirn – nicht einfach mangelnde Disziplin.

Kann das Gehirn sich erholen?

Ja. Das Gehirn ist erstaunlich anpassungsfähig. Durch Abstinenz oder eine deutliche Veränderung des Verhaltens können sich viele Funktionen nach und nach erholen. Dabei helfen häufig:

Psychotherapie

Selbsthilfegruppen

soziale Unterstützung

Bewegung

ausreichend Schlaf

sinnstiftende Aktivitäten

Achtsamkeit und Stressregulation

Der Prozess braucht Zeit, weil neue neuronale Verbindungen entstehen und alte Gewohnheiten überschrieben werden müssen.

Kurz gesagt: Sucht ist eine erlernte Anpassung des Gehirns an wiederholte starke Belohnung oder an den Versuch, seelischen Schmerz zu lindern. Je häufiger dieser Weg genutzt wird, desto tiefer prägt er sich ein. Die gute Nachricht ist, dass das Gehirn lebenslang lernfähig bleibt – deshalb ist Veränderung und Genesung möglich, auch wenn sie Geduld und Unterstützung erfordern.

Es gibt viele verschiedene Formen von Sucht. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen stoffgebundenen Süchten und Verhaltenssüchten.

Stoffgebundene Süchte

Hier ist eine Substanz der Auslöser.

Dazu gehören:

Alkohol

Nikotin (Zigaretten, E-Zigaretten)

Cannabis

Kokain

Heroin und andere Opioide

Amphetamine und Methamphetamin

Beruhigungs- und Schlafmittel (z. B. Benzodiazepine)

Schmerzmittel mit Suchtpotenzial

Verhaltenssüchte

Hier macht nicht ein Stoff abhängig, sondern ein Verhalten, das das Belohnungssystem immer wieder aktiviert.

Beispiele sind:

Glücksspiel

Online-Gaming

Social Media

Smartphone-Nutzung

Online-Shopping

Pornografie

Sex

Arbeit (Workaholismus)

Sport (wenn zwanghaft und gesundheitsschädlich)

Essen (z. B. Essanfälle oder zwanghaftes Essen)

Weitere Formen

Manche Verhaltensweisen sind nicht offiziell als Suchterkrankung anerkannt, können aber ähnliche Muster entwickeln:

Kaufsucht

Beziehungssucht

Liebessucht

Streitsucht

Bestätigungssucht (ständiges Bedürfnis nach Anerkennung)

Perfektionismus oder Leistungssucht

Schönheitseingriffe oder exzessives Körperoptimieren

Was haben alle Süchte gemeinsam?

Unabhängig von der Art zeigen sich oft ähnliche Merkmale:

Kontrollverlust

Das Verhalten nimmt immer mehr Raum ein.

Andere Lebensbereiche werden vernachlässigt.

Fortsetzen trotz negativer Folgen.

Häufig Toleranzentwicklung (es braucht mehr, um den gleichen Effekt zu erzielen).

Unruhe oder Entzugssymptome beim Aufhören (je nach Sucht unterschiedlich ausgeprägt).

Gibt es auch “gesunde” Süchte?

Menschen sagen manchmal scherzhaft, sie seien “süchtig nach Kaffee”, “nach Sport” oder “nach Schokolade”. Nicht jedes intensive Interesse ist jedoch eine Sucht. Entscheidend ist, ob das Verhalten:

Kaum noch kontrollierbar ist,

Leiden verursacht oder das Leben einschränkt,

Trotz negativer Folgen fortgesetzt wird.

Dann kann aus einer Gewohnheit oder Leidenschaft eine Suchterkrankung werden.Sucht ist letztlich weniger eine Frage womit man abhängig wird, sondern warum das Gehirn und die Psyche dieses Verhalten immer wieder als Lösung für Bedürfnisse oder belastende Gefühle nutzen.

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